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Palliativmedizin: Weit mehr als „Händehalten auf der letzten Meile“

Der Begriff „Palliativmedizin“ und wofür er steht, wird oft missverstanden. Dabei steckt darin enormes Potenzial für mehr Lebensqualität trotz einer Erkrankung, ganz unabhängig von den Heilungsaussichten. Dazu diskutierten in Linz vier Expert:innen aus Onkologie und Palliativbetreuung aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Gemeinsamer Nenner aus dem spannenden Austausch: Dieses vielschichtige Angebot ist in Oberösterreich schon sehr gut ausgebaut – und kann dennoch weitere Verbesserungen brauchen.

Im allgemeinen Verständnis kommt Palliativmedizin vermeintlich erst zum Tragen, wenn sonst „nichts mehr geht“; eine Sicht, der sich übrigens leider auch die Definition im Online-Lexikon Wikipedia anschließt. Aber: „Das stimmt einfach nicht“, so Oberärztin Dr.in Renate Riesinger, MSc, Stationsärztin der Palliativstation am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Ried im Innkreis sowie klinische Ethikberaterin und Ethikkoordinatorin. „In den letzten 10 Jahren hat sich hier enorm viel getan. Palliativbetreuung kommt heute nicht erst nach einer Therapie, etwa eines Tumors, zum Einsatz. Sie ist viel früher in den Behandlungspfad integriert, und zwar ganz unabhängig davon, wie hoch die Lebenserwartung des/der Patient:in ist. Dabei erfolgt die Begleitung oft über lange Zeit und in unterschiedlichen Abschnitten: Eine Zeit lang ist sie intensiver, dann wieder mehr im Hintergrund. Eben ganz so, wie der Mensch es wirklich wünscht und braucht.“

Doz. Dr. Ansgar Weltermann, Präsidiumsmitglied der Österreichischen Krebshilfe und Leiter des Zentrums für Tumorerkrankungen im Ordensklinikum Linz, stellt den Gedanken eines „fixen Zeitpunktes zur Einleitung einer Palliativbetreuung“ überhaupt in Frage: „Die Begleitung muss zeitgerecht einsetzen – aber das kann und wird in jedem Fall etwas Anderes bedeuten. An den verschiedensten Punkten einer Krankheitsgeschichte kann es Belastungen und Symptome geben, wo Palliativmedizin besonders entlastend wirken kann. Damit sie das aber auch wirklich erreicht, braucht es eine Vielzahl an Faktoren: Neben der proaktiven Grundhaltung des Behandlerteams ist ein interprofessioneller Behandlungsansatz unter Einbezug der gesamten Expertise und der Fertigkeiten aller Berufsgruppen wesentlich. Und dazu gehören auch kommunikative Fertigkeiten, sodass das Team mit einer Stimme redet und die Bedürfnisse des Patienten wahrnimmt.“

Vielschichtiger Ansatz für die Begleitung

Tatsächlich integriert palliativmedizinische Betreuung heute eine Vielzahl an Fachrichtungen und medizinischen Berufen: Dazu gehören neben den Fachmediziner:innen für die zugrundeliegende Erkrankung auch Expert:innen in Psychologie und Psychoonkologie, aber etwa auch entsprechend ausgebildete Pharmazeut:innen. Eine solche ist Mag.a Elisabeth Steiner, Klinische Pharmazeutin am Ordensklinikum Barmherzige Schwestern Linz und Vorsitzende der Arbeitsgruppe für Palliativpharmazie der Österreichischen Palliativgesellschaft. Ihr ist wichtig, dass „wir mit der Angst aufräumen, Palliativbegleitung bedeute, man bekomme nun keine erkrankungsspezifische Therapie mehr. Palliativmedizin als therapiebegleitende Hilfe für Patient:innen muss in der Öffentlichkeit mehr verankert werden.“

„Wir müssen über die Erkrankung hinaus auch Grundlegendes über die Lebensumstände der Betroffenen wissen, damit unsere Unterstützung auch adäquat ist.“


Mag. a Elisabeth Steiner
 

Insgesamt geht es bei diesem Thema nicht um zusätzliche Lebenszeit, sondern um die Lebensqualität im Hier und Jetzt – und auch noch darüber hinaus. Das Wissen um die aktuellen Lebensumstände der Patient:innen ist wichtig. Die medikamentöse Therapie hängt auch davon ab, was Betroffene noch selbständig machen können oder ob es in ihrem Umfeld Angehörige gibt, die bei der Verabreichung von Medikamenten helfen können.

Auch die Palliativpsychologie macht in diesem Rahmen darum immer Vorschläge und stellt keine alternativlosen Ultimaten, so Mag. Thomas Wienerroither, Palliativpsychologe und Psychoonkologe an der Palliativstation am Salzkammergut-Klinikums Vöcklabruck sowie in freier Praxis: „Wenn man zu Menschen sagt, dass sie einen Psychologen brauchen, reagieren sie meist mit Verweigerung. Ein Angebot dagegen, das ich frei annehmen kann oder auch nicht, lässt mir als Betroffenem die Wahl. Genau das gilt auch für palliativpsychologische Angebote. Es ist so ähnlich wie mit einem Thermenurlaub: Ist er wirklich lebensnotwendig? Nein – aber er tut einfach gut. Genau dieses Beziehungsangebot muss ich als Psychologe auch in der palliativen Begleitung vermitteln.“

Deutliche Fortschritte in den letzten 10 Jahren

Einig sind sich die Expert:innen auch darin, dass die letzten 10 Jahre in Oberösterreich deutliche Fortschritte in der Palliativversorgung gebracht haben. Ansgar Weltermann verweist auf die Etablierung von Palliativambulanzen und auch darauf, dass es Mitte der 2010er-Jahre in Oberösterreich noch kein einziges Hospiz gab. Ebenso ist die Arbeit von mobilen Palliativteams auf der Haben-Seite zu verbuchen, wenn auch mit der Einschränkung, dass hier Psycholog:innen im extramuralen Setting nicht (ausreichend) integriert sind. Im benachbarten Niederösterreich wurde in manchen Regionen ein gemeinsames Team für die stationäre und mobile Palliativbetreuung etabliert. „Die Kenntnis des Behandlerteams der Vor-Ort-Situation zuhause ermöglicht wesentlich besser, den Bedarf einer stationären Versorgung zu erkennen. Das würde ich mir auch in Oberösterreich wünschen“, so Weltermann weiter, der zudem die Website des Dachverbandes der Palliativ- und Hospizeinrichtungen Österreichs (www.hospiz.at) als Info-Quelle empfiehlt.

Thomas Wienerroither verweist darauf, dass diese Teamarbeit in Oberösterreich in manchen Bezirken schon gut etabliert ist, etwa im Salzkammergut. Und Elisabeth Steiner ergänzt als Vorteil aus Betroffenensicht, dass „man für den Besuch einer Palliativambulanz keine Zuweisung benötigt, sondern jede:r Patient:in kann sich direkt einen Termin ausmachen.“ Die damit erreichte Niederschwelligkeit ist eine wesentliche Stärke dieses Angebots, für das gemeinsame Leitlinien und Qualitätsindikatoren bestehen. Das wiederum ist wichtig, um die Arbeit laufend zu evaluieren und auch weiter verbessern zu können.

„Die entscheidende Frage lautet letztlich: Was können wir gemeinsam mit den Betroffenen in ihrem Leben verbessern?“


Mag. Thomas Wienerroither
 

Thomas

Wichtig ist der Runde, dass das Wissen um diesen Bereich nicht auf einen Kreis von Fachkräften beschränkt bleiben darf, wie Renate Riesinger erklärt: „Alle im Gesundheitswesen Tätigen, die Menschen mit belastenden Symptomen behandeln, werden palliativmedizinisches Basiswissen brauchen, und zwar weit über den onkologischen Bereich hinaus, wenn man etwa an Neurologie, Kardiologie oder Pulmologie denkt.“ Auf ein aktuelles Projekt zur Palliativpflege in der angesprochenen Neurologie weist Thomas Wienerroither hin: „Hier wurde in drei Kurstagen allen Teammitgliedern – von der Pflegehelferin bis zum Primar – ein Grundwissen über Palliativmedizin vermittelt, und zwar mit dem Schwerpunkt auf der nötigen Grundhaltung und weniger auf dem reinen Faktenwissen. Das hat dann auf den betreffenden Stationen unglaublich viel verändert, gerade auch im Mindset: Man schaut nach diesem Kurs mehr denn je auf Lebensgeschichten statt auf Zahlen, und die Pflege findet mehr Gehör mit ihren Anliegen und auch Einwänden. Denn letztlich ziehen ja alle an einem Strang, und das ist die Frage nach dem Therapieziel: Was will der betroffene Mensch in seinem Leben verbessern, und was können wir dazu beitragen?“

Als Wunsch an die Zukunft nennt Renate Riesinger „mehr Bewusstsein für Advance Care Planning, auch vorausschauende Behandlungsplanung. Das ist ein strukturierter Beratungsprozess, in dem Menschen ihre medizinischen und pflegerischen Wünsche für künftige, möglicherweise urteilsunfähige Situationen im Voraus klären, besprechen und dokumentieren. Wir haben aktuell Projekte für Langzeitpflegeeinrichtungen laufen, und das ist auch sehr positiv. Aber für alle anderen Bereiche gibt es kaum Mittel, und das verengt die Perspektive und auch die Ergebnisse leider sehr.“

Thomas Wienerroither schmerzt, dass man „bei Projekten weitgehend auf den Goodwill der Betreiber, etwa von Pflegeheimen, angewiesen ist, was den vielerorts doch geringen Stellenwert deutlich macht.“ Auf das Krebsrahmenprogramm der Gesundheit Österreich (GÖK) verweist Ansgar Weltermann, dieses ist „großartig – denn da ist wirklich alles drinnen, was nötig ist. In einem nächsten Schritt müssten sich alle wichtigen Stakeholder zusammensetzen und gemeinsam erarbeiten: Was brauchen wir, damit wir zur Umsetzung dieses Programms kommen?“ Und Elisabeth Steiner erinnert an die Bedeutung von Prävention vor aller Palliativarbeit: Dazu ist Kommunikation nötig, speziell in Richtung junger Zielgruppen: „Dort ist alleine schon der Begriff ’Vorsorgeinstrument‘ ein Fremdwort. Es muss daher in unserem Gesundheitssystem noch  viel einfacher werden, an Informationen zu kommen – denn nur wer informiert ist, kann auch verantwortlich für sich selbst entscheiden.“

Das Gespräch fand im Rahmen des „Expertise.Dialog.Gesundheit“ im Juni 2026 statt. Der „Expertise.Dialog.Gesundheit“ ist eine Initiative von Bristol Myers Squibb. Dieses Format bringt in den Bundesländern Mediziner:innen sowie weitere Player am Gesundheitssektor zusammen, die ohne eine Vergütung und rein aus fachlichem Interesse aktuelle Entwicklungen und Vorzeigeprojekte beleuchten und vor den Vorhang holen.

Dieser Artikel wurde am 07.09.2026 in der Online-Ausgabe der OÖ Nachrichten publiziert. Hier der Link zum Artikel: Palliativmedizin: Weit mehr als „Händehalten auf der letzten Meile“ | Nachrichten.at